Apokalyptischer Haushalt

2 Mär

Wenn das Gisbert gisbertig wird, nennt das Hedwig sie immer “Finchen”. Was in der Langversion “Josephinchen Stalin” bedeutet, denn er ist der Mening, dass dann mit mir nicht gut Kirschenessen sei. Vermutlich richtig. Im Moment allerdings beschränken sich unsere höchst dramatischen Auseinandersetzungen auf haushaltstechnische Kleinigkeiten. Ich bin hier zwar mit meinem Kram eingezogen und nach wenigen Tagen war ich praktisch gesehen auch schon eingezogen. Allerdings wirklich da ist man erst nach längerer Zeit und bis hier wirklich alles sitzt, werde ich sicherlich noch gefühlte 30 Mal die Schränke umräumen und versuchen ein System in unser beider Chaos zu bringen. Aus einem Du und Ich  ein “Wir” machen, ohne dass einer das Ich verliert. Dazu muss man allerdings einige Marotten und Kleinigkeiten überwinden, die sobetrachtet nicht schlimm sind, einen selbst allerdings zu Tode nerven und sich unverständlich anfühlen.

Ich bin eine kleine Neuro-Gisbert. Bei mir braucht alles seinen Platz, Handtücher müssen ordentlich gestapelt sein und Lampen müssen exakt mittig über Tischen und bestimmten Plätzen hängen. Dinge, die dem Hedwig völlig schnurzpiep sind. Ich bekomme also regelmäßig das Gefühl, dass mein männliches Equivalent allein um mich zu ärgern, vergisst Handtücher ordentlich aufzuhängen. Ich schlurpe also nach dem Aufstehen morgenmissmutig wie ich bin, ins Bad und entdecke als erstes ein zerknülltes, feuchtes Handtuch, das unachtsam hingeworfen wurde. Es sieht mehr wie ein abstraktes Gebilde aus, dass die konventionelle Ordnung symbolisch über den Haufen werfen soll und vermutlich von einem ach so originellen Künstler mit struppigem Haar in einer Galerie ausgestellt werden könnte, als wie ein Handtuch, dass man ordentlich aufhängt, damit es trocknen kann und keinen modrigen Geruch entwickelt. Bemüht ruhig schnaubend platziere ich dieses Frotteegewebe also wieder ordnungsgemäß und entdecke dabei den nächsten Vorreiter der Apokalypse: Zahnpastareste und Haare im Waschbecken. Mein Verdacht der hedwigschen Verschwörung mit dem Ziele Gisberts Nerven als Bungeeseile zu benutzen, verhärtet sich. Mit einem nervös zuckenden Auge putze ich mir die Zähne und versuche mich zu beruhigen. Ich weiß, er sieht das nicht… Ich weiß, er meint es nicht so… Ich weiß, er macht das nicht mit Absicht…

Ich zapfe mir einen Kaffee aus dem Vollautomaten und pflanze mich aufs Sofa und entdecke aus dem Augenwinkel die Tabakkrümelnationen, die sich gerade einen heftigen Kampf um das letzte unbesetzte Gebiet der Couchtischplatte liefern, wobei in der Mitte ein Tablett mit Stopfmaterial als uneinnehmbare Festung thront. Ich weiß, er sieht das nicht… Ich weiß, er meint es nicht so… Ich weiß, er macht das nicht mit Absicht…

Ich stehe wieder auf und wechsle den Raum. Küche nebst schmutzigem Geschirr begrüßen mich und als ich die Geschirrspülmaschine öffne, untermalt das Grillenzirpen der gähnenden Leere das schallende ‘Hallo’ der schmutzigen Kochutensilien auf der Arbeitsplatte rhythmisch. Ich räume also die Spülamschine ein und denke: Ich weiß, er sieht das nicht… Ich weiß, er meint es nicht so… Ich weiß, er macht das nicht mit Absicht…

“Hedwig… Wie weit bist du mit der Wäsche?” – “Naja, also ähm, warte kurz, ich rauche nurnoch ein Kippchen und geh aufs Klo!”, spricht der Schirmherr der haushaltstechnischen Apokalypsenreiter Unordnung, Verschmutzung, Ignoranz und Faulheit. Ich weiß, er sieht das nicht… Ich weiß, er meint es nicht so… Ich weiß, er macht das nicht mit Absicht…

Explosion

Nach einem kurzen Tobsuchtsanfall meinerseits (bei dem Hedwig die Augen zusammenkniff und sein Haar im Winde meines Gebrülls wehte) bekommt er einen panikartigen Anfall völlig “spontaner” Schufterei und grinst mich danach leicht angsterfüllt bis verlegen an.

Aber alles in Allem lieben wir uns. Hedwig sagt dazu: “Die Grundpfeiler unserer Beziehung sind Liebe, Vertrauen, Ehrlichkeit und nackte Angst.”

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12 Antworten to “Apokalyptischer Haushalt”

  1. chaosmaeuschen März 2, 2012 at 9:31 nachmittags #

    *gröhl* Also… das mit der nackten Angst glaub ich ihm sofort!

  2. Flamebeard März 2, 2012 at 10:13 nachmittags #

    Hmmmm…

    Ist bei mir genau andersrum. Meine Freundin ist der weithin undokumentierte fünfte Reiter der Apokalypse, genannt “Chaos&Unordnung”. Sie vergisst ihre Wäsche meistens genau dort, wo sie sie fallen lässt, Teller und Tassen stehen dort, wo sie leer geworden sind und um Herumstehendes wird sich nur soweit gekümmert, bis es den momentan gewählten Weg nicht mehr tangiert. Da werden auch schon mal fettige Backbleche auf einen Korb frischer Wäsche gestellt.

    Aber ich weiß, sie sieht das nicht… Ich weiß, sie meint das nicht so… Ich weiß, sie macht das nicht mit Absicht…

    In dem Sinne, tapfer weiter im Kampf gegen die dreckigen Windmühlen des Daseins, o tapfere Donna Quichotte vom schokoladigen Gemüte.

  3. Ex-Admin März 2, 2012 at 11:19 nachmittags #

    Manchmal mach ich mir wirklich ein wenig Sorgen um Hedwig…

    • zartbitterdenken März 3, 2012 at 2:45 nachmittags #

      Brauchste nicht. Das Hedwig ist ja nicht aus Zucker ;) Außerdem bekommt er von mir ja auch viel Gutes und nicht nur Rüge…

      • Ex-Admin März 3, 2012 at 4:38 nachmittags #

        Ist mir doch klar ;-)

        Manchmal schadet ein kleiner Tobsuchtsanfall nix. Reinigende Gewitter sind einfach unabdingbar, sonst wirds auf Dauer nur miefig.

  4. Tante Jay März 3, 2012 at 7:18 vormittags #

    Armes Hedwig. *g*

    Grüsse von einer notorischen “häh…hab ich unwissentlich der IRA schon wieder den Krieg erklärt???”-Nichthausfrau *g*

    Ich habs mitm Putzen auch nicht so, krieg aber regelmäßig Anfälle, wenn meine Mutter noch nicht richtig zur Tür rein ist und den erstbesten Putzlappen in die Hand nimmt ;-)

  5. Vollnuss/Hedwig März 3, 2012 at 2:51 nachmittags #

    Um mich brauch man sich keine Sorgen machen. Ich hatte ja Möglichkeiten dem Zusammenleben aus dem Weg zu gehen. Ich hätte nur das Land verlassen , alles was ich liebe zurücklassen oder Selbstmord begehen müssen. Ich hatte also Alternativen.

    Einer der Vorteile von Gisbert ist, wie der Name schon vermuten lässt, ihr Maß an Testosteron. Sie zickt nicht, ist (semi-) rational und sehr sehr fair. Ich krieg meistens nix ab, was ich nicht verdient hab. Sie tut mir ja auch viel Gutes. Nicht zuletzt kulinarisch.

    Die Frau tut mir gut.
    Und ich schade ihr nur marginal.

    • Tante Jay März 3, 2012 at 2:58 nachmittags #

      Also alles eine Frage des Kosten-/Nutzen-Prinzips? :)

      Ihr zwei passt zumindest von der (schriftlichen) Art prima zusammen – hätt mein damaliger Göttergatte sowas gebracht, hätt ich den gefressen…andererseits hab ich den auch so gefressen. Hm, vielleicht bin ich doch nicht sozialkompatibel *g*

    • Ex-Admin März 3, 2012 at 4:49 nachmittags #

      Na das wären doch echt leicht zu verwirklichende Alternativen gewesen :-) Es ist natürlich noch besser, dass du sie nicht in Anspruch nehmen musstest. Ansonsten kann ich dem Tantchen nur zustimmen, dass ihr offensichtlich gut zusammenpasst. Wer traut sich sonst im Blog der Freundin zu schreiben, dass sie ihm gut tut.

  6. blackeyed März 3, 2012 at 5:25 nachmittags #

    “Die Grundpfeiler unserer Beziehung sind Liebe, Vertrauen, Ehrlichkeit und nackte Angst.” sehr schön, ich (und vor allem mein Freund *chchch*) unterschreibe das. Die unterschiedliche Auffassung von Ordnung und Sauberkeit kenn ich *seufz*

  7. minibares März 4, 2012 at 8:49 nachmittags #

    Ach herrjeee,
    bei mir sind nie Zahnpasta-Reste in der Spüle, bei ihm immer. Ich weiß nicht, wie er sich die Zähne putzt. Da kann doch keine Paste dran gekommen sein.
    Haare in der Wanne, die nimmt er sogar ab und zu raus.
    Handtücher hängen über solchen beweglichen Stangen, das kann sogar mein Mann, sein Handtuch da drüber zu hängen.
    Gut, dass bei uns keiner raucht. Wer weiß, was dann wäre…..

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